Theater 36 im Goldbekhaus - Romeo und Julia: Turbulent, zart, komisch

Winterhude. "Düsteren Frieden bringt uns dieser Morgen. Die Sonne birgt vor Kummer ihr Gesicht. Wir müssen uns um diese schlimmen Dinge sorgen. Einige strafen, andere nicht. Ein größeres Elend gab es nirgendwo, als das von Julia und ihrem Romeo" - wer kennt sie nicht die Geschichte um das Liebespaar, denen aufgrund von verfeindeten Familien, das Ausleben ihrer tiefen Gefühle verwehrt und deren einzige Erlösung der Freitod blieb. Das theater 36, eine Gruppe von "Leben mit Behinderung" in Kooperation mit dem Goldbekhaus, wirft mit seiner jüngsten Inszenierung "Romeo. Julia. Liebe. Wahrheit." einen neuen Blick auf die Tragödie von William Shakespeare.
Die Gruppe aus elf Darstellern mit und ohne Behinderung steht nur wenige Tage vor ihrem Auftritt im Goldbekhaus. Neben ihrer Leidenschaft für die Schauspielerei und die Bühne, haben sie eines gemeinsam: das obligatorische Lampenfieber. Ihnen und dem Musiker Pedro Alcacèr das ein wenig nehmen kann Jörn Waßmund mit einem gemeinsamen, kräftigen "Toi, toi, toi" bevor es auf die Bühne geht. Der Regisseur und Theaterpädagoge leitet die seit 2007 bestehende Gruppe. Darüber hinaus hat er in Hamburg unter anderem in Rothenburgsort das Stadtteiltheaterprojekt "Rothenburgsort-Revue" mit Bewohnern des Viertels erarbeitet und leitet die "Blinden Passagiere" mit sehenden und blinden Darstellern.
Mit Waßmund gemeinsam entwickelte theater 36 über einen Zeitraum von acht Monaten das neue Stück - von der ersten Idee über das Bühnenbild bis hin zum Drehbuch. Die ersten Ideen für das Stück entstanden dabei mehr durch Zufall: "Wir entdeckten im vergangenen Winter einige graue Reststücke aus Wärmedammmaterial. Dieses sowie Steine und Bücher dienten uns als Spielmaterial für erste Improvisationen", erzählt Waßmund. Unter den Büchern befanden sich zwei Werke von Shakespeare, nämlich "Ein Sommernachtstraum" und eben die Tragödie "Romeo und Julia". Das wohl berühmteste Liebespaar aus der Literatur sollte Inhalt des neuen Stückes werden, darüber war man sich schnell einig. "Und dann nahm alles seinen Lauf, ähnlich einer Dominosteinkette", so Waßmund. "Man stellt die Dominosteine an verschiedenen Stellen auf, noch ohne Zusammenhang, und plötzlich entdeckt man eine Linie, kippt den ersten Stein um und alles kommt ins Rollen." Aber einfach Shakespeare eins zu eins nachspielen? Das sieht der Truppe mit dem Hang zum Ungewöhnlichen nicht ähnlich. Auf der Bühne zeigen sie, dass die Geschichte um die zwei Verliebten weitaus verstrickter ist, als erwartet. Es beginnt eine Suche nach den eigentlichen Motiven, die prompt in einem bislang unbekannten Labyrinth der Schicksalsfäden voller Sehnsüchte, Sackgassen und erstaunlicher Wendungen endet. Bücher nehmen Einfluss auf Julia in ihrer Entscheidung und - hier wird der Bogen zum "Ein Sommernachtstraum" gespannt - zwei Schicksalsgöttinnen spielen beim Spiel der Liebe zwischen Romeo und Julia fiese Streiche.
Wie kam es zu der Idee mit den Göttinnen? Waßmund erklärt: "Eine Darstellerin kann sich nur mit Lauten und Stimmklängen ausdrücken, aber keine Worte aussprechen. Ihre Form der Kommunikation steht für die Sprache der Götter, die wir als énormale' Menschen ja auch nicht verstehen können." Turbulent, zart und zugleich komisch, so beschreibt die Gruppe ihre Neuinszenierung des Shakespeare Klassikers. Wie die ungewöhnliche Geschichte endet? Darüber kann und soll sich das Publikum selbst ein Bild machen.

Hamburger Wochenblatt, 10.1.2012

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